Aktiv werden – Tipps für die Praxis

Überblick: Was gibt’s auf dieser Seite? Allgemein gehaltene Tipps zu solidarischem Verhalten im Betrieb und zu möglichen ersten Schritten, wenn mensch im Betrieb etwas ändern möchte.


Verantwortungsvoll handeln im Alltag – für dich und andere

Verrichte keine Arbeiten, für die du nicht qualifiziert bist. Riskiere deine Gesundheit nicht für die Arbeit! Arbeite lieber ein bisschen langsamer und weniger, dafür konzentrierter. Die Folgen von Arbeitsunfällen können ein Leben lang bleiben, deinen Minijob hast du wahrscheinlich nur ein paar Monate.

Kontrolle ist besser!

Behalte deine Arbeitszeiten im Auge und schreibe sie auf. Dies kann bei der Auszahlung von eventuellen Überstunden sehr wichtig sein. Um bei Konflikten gewappnet zu sein, kann auch sehr hilfreich sein, den Dienstplan abfotografiert zu haben.

Freiräume erhalten!

Wenn du einen Weg findest effizienter zu arbeiten, sag es bloß nicht deinem*deiner Chef*in! Sie könnten dir oder anderen nur noch mehr Arbeit geben. Nutze lieber deine hinzugewonnene Zeit um Dinge zu tun, die du magst, oder um deinen Arbeitsalltag angenehmer zu gestalten.

Vergleiche deinen Lohn!

…mit anderen Löhnen im Betrieb, so findest du am schnellsten raus, ob du oder andere besser oder schlechter behandelt werden, und kannst Bewusstsein darüber unter deinen Kolleg*innen schaffen. Niemand kann dir verbieten, über deinen Lohn zu reden. Sollte es eine Regelung in deinem Arbeitsvertrag geben, die dir das verbieten will, so ist sie ungültig. In manchen Städten gibt es auch Lohnspiegel, in denen die Arbeitsbedingungen in unterschiedlichen Betrieben verglichen werden. Jedoch wurden sie nach Einführung des Mindestlohns selten noch aktualisiert. Ein Beispiel hier: dresden.fau.org/lohn

Auch wenn du individuell handelst – denk an die Kolleg*innen!

Im Arbeitsalltag gibt es individuelle Strategien, z.B. sich einer unangenehmen Arbeit zu entziehen, sich mit einem kleinen Sabotageakt am Chef zu rächen oder Vorteile für sich herauszuschlagen. Sei dir bewusst, dass deine individuellen Aktionen auch negative Folgen für dich und deine Kolleg*innen haben können! Handelt nicht gegeneinander, sondern gemeinsam gegen die Ausbeutung in euren Betrieben!

 

Ein Schritt weiter – sich gemeinsam organisieren

Es gibt viele gute Beispiele dafür, wie es die Belegschaften der verschiedensten Betriebe geschafft haben, sich gemeinsam gegen ihre Chef*innen durchzusetzen. Doch wer sich umschaut, wird in den seltensten Fällen eine aktive Arbeitnehmer*innenvertretung im eigenen Betrieb finden. Wir gehen in diesem Teil auf einige zentrale Fragen des Organisierens ein. Und auch wenn vieles von den Bedingungen vor Ort abhängt, beginnen sollte alles mit einem einfachen Gespräch.

 

Ruhe bewahren

Der Startpunkt für eine Organisierung wird für gewöhnlich durch das Gefühl gesetzt, ungerecht behandelt zu werden. In einer solchen Situation ist es wichtig, dass du nicht gleich deinen ganzen Betrieb in Aufruhr versetzt.

Es ist gut verständlich, wenn deine Wut mal überkocht und du dich lauthals bei den Kolleg*innen, oder gleich bei Vorgesetzten beschweren willst. Doch in den meisten Fällen ist dies genau das falsche Vorgehen und durchaus „gefährlich“.

Wenn du zum falschen Zeitpunkt oder vor den falschen Leuten als Unruhestifter*in auftrittst, kann dir schnell die ganze Bandbreite an Einschüchterung und Jähzorn der Betriebsleitung entgegenschlagen. Sie hat ihr eigenes Interesse daran, den Zusammenschluss der Belegschaft zu verhindern, am besten noch bevor etwas Größeres passiert.

Beobachte daher möglichst genau, wer sich als vertrauenswürdig erweist und wer eher unkollegial auftritt. Gerade Leute mit einem guten Draht zum*zur Chef*in solltest du zunächst meiden. Versuche erst, die Leute an Bord zu holen, bei denen du dir relativ sicher bist, dass sie mitmachen.

Suche das Gespräch unter vier Augen

An Gesprächen unter vier Augen kommt man niemals vorbei, wenn man organisieren will. So erfährst du am Besten, wie es deinen Kolleg*innen geht oder welche Ängste sie haben. Es ist zudem für dich einfacher zu diskutieren, wenn du nur eine*n Gesprächspartner*in hast.

Den Anfang finden

Sich am Arbeitsplatz zu organisieren ist ein langer Prozess, der nicht geradlinig verlaufen muss. Im Laufe dieses Prozesses werden immer wieder Hindernisse auftreten. Deine Kolleg*innen werden ihre eigenen Anliegen einbringen, die vielleicht andere sind als deine. Das ist kein Grund, nicht zusammen zu kämpfen! Dein erster Schritt sollte darin bestehen, ein vertrauensvolles Verhältnis zu deinen Kolleg*innen aufzubauen. Eure ersten Gespräche müssen deswegen nicht gleich von der Arbeit handeln. Man kann von niemandem erwarten, dass er*sie sich gleich alle Probleme von der Seele redet. Sollte das Betriebsklima schon entspannt sein, könnt ihr euch direkt an das Thema Arbeitsbedingungen wagen: Tauscht euch über eure Arbeitsbedingungen aus, überlegt gemeinsam, was ihr gerne ändern würdet.

Das erste Problem auf das du hier stoßen wirst, ist, dass Menschen gerne versuchen, sich zu drücken. Die häufigsten Ausreden sind sicherlich „Ich hab keine Zeit“, „Das bringt sowieso nichts“ oder gerade im Minijob „Ich werde eh nicht mehr so lange hier arbeiten“. Du kannst die Leute zu nichts zwingen, was sie nicht wollen, doch solltest du dich nicht nach dem ersten Mal geschlagen geben. Fordere die Leute heraus, frag nach und sei verbindlich.

Eine Telefonnummer ist immer besser, als eine E-Mail Adresse, eine persönliche Erinnerung an das nächste Treffen ist besser, als eine SMS.

 

Vom Gespräch zur Aktion

Es macht an diesem Punkt wenig Sinn, den weiteren Verlauf zu beschreiben. Ihr kennt nun den groben Anfang, aber Organisieren lernt man nicht aus dem Buch, sondern nur aus der Praxis, die je nach Bedingungen ganz unterschiedlich aussehen kann. Wir können hier nur einige allgemeine Tipps geben.

 

Hinterfragt Autoritäten

Fragt gemeinsam, was mit euch gemacht wird, warum es gemacht wird und ob das gerechtfertigt ist. Wer trifft die Entscheidungen, die euer Leben bestimmen? Könnt ihr wirklich nichts daran ändern?

Ihr müsst nicht alle beste Freund*innen werden, ihr solltet aber eure unterschiedlichen Bedürfnisse respektieren und einen Grundkonsens finden. Wichtig ist, dass du offene Fragen stellst und gut zuhörst. Wenn du auf deine Kolleg*innen zugehst, sei dir auch darüber bewusst, dass nicht alle Anliegen der Belegschaft auch gute Anliegen sein müssen. Für Forderungen, die einzelne Kolleg*innen ausschließen, sollte in einer solidarischen Belegschaft kein Platz sein.

Mitschreiben und Aufzeichnen

Schreibt nach Gesprächen unter Kolleg*innen Stichpunkte zu Problemen und Ideen auf. Insbesondere sollten Vorfälle wie Unfälle oder Mobbing immer protokolliert werden. In späteren Konflikten mit den Chef*innen können schriftliche Aufzeichnungen wichtige Argumente liefern. Beachtet, dass ihr sie sicher außerhalb des Betriebs aufbewahrt.

Treffen außerhalb der Arbeit

Der Punkt wird kommen, an dem es nötig wird, sich außerhalb der Arbeitszeit zu treffen. Nehmt euch genug Zeit und Raum, weitere Schritte zu planen. Ein „neutraler“ Ort ist hierfür in jedem Fall besser geeignet als z.B. eine Privatwohnung. Für ein erstes Zusammenkommen reicht z.B. ein Café (oder mietet euch z.B. eine Kegelbahn), solange ihr euch sicher sein könnt, eure Vorgesetzten dort nicht zu treffen. Generell gilt für den gesamten Prozess und auch für das Treffen:

Kein Wort zum*zur Chef*in!

Organisiert sein ist alles

Ziel des Organisierens ist es, eine Gemeinschaft zu schaffen, die koordiniert handelt. Verteilt die Aufgaben untereinander, seid verbindlich und vor allem: seid solidarisch miteinander. Organisationen müssen nicht immer stark formalisiert sein, aber sie müssen einige Grundansprüche erfüllen. Eine Mailingliste und eine Telefonkette können schon ausreichen um das Nötige zu organisieren. Versucht eure Organisation am Arbeitsplatz so hierarchiefrei und transparent wie möglich aufzubauen. Es macht keinen Sinn, die Autorität der Chef*innen anzugreifen, aber die von Kolleg*innen zu dulden. Es ist motivierender, sich einzubringen, wenn alle gemeinsam entscheiden können.

Wissen ist Macht. Daher ist es wichtig, so viel über den Betrieb herauszufinden wie nur irgendwie geht. Legt der Betrieb Wert auf ein bestimmtes Image? Ist er von Zulieferern abhängig? Ist die Arbeit stark von Fristen bestimmt? Führt dein*e Chef*in noch einen anderen Betrieb? Welche Missstände – zum Beispiel in Bereichen wie Arbeitsschutz, Hygiene und Umgang mit anderen Vorschriften – gibt es? Euer Ziel ist es, durch die generellen Informationen die besonderen Schwachstellen des Betriebes zu finden und dieses Wissen in einem späteren Konflikt anwenden zu können.

Aktionen sollten stufenweise eskalieren

Keine Belegschaft wird versuchen, bei jedem Problem gleich den ganzen Betrieb zu zerschlagen. Wenn ihr Forderungen durchsetzen wollt, fangt nicht unüberlegt an. Geht vor allem nicht ohne rechtliche Beratung an die Öffentlichkeit, um sicher zu gehen, dass ihr dem Betrieb keine juristischen Angriffspunkte bietet. Schont eure Kräfte, legt nicht gleich alle Karten auf den Tisch und vermeidet einen offenen Konflikt, wo eventuell noch eine einvernehmliche Lösung möglich ist. Wenn eure Forderungen dann nicht gehört werden, habt ihr noch ein paar Asse im Ärmel und könnt nach und nach stärkere Arbeitskampfmittel anwenden. Eine kleinere Auseinandersetzung erfolgreich abzuschließen, hilft oft, neue Leute zu gewinnen und gibt zudem Selbstvertrauen für die nächsten Konflikte.

Seid auf Rückschläge vorbereitet

Wenn die Lage im Betrieb gerade ungünstig ist, bleibt ruhig und wartet. Wenn eine Aktion fehlschlägt, lasst euch nicht entmutigen. Analysiert mögliche eigene Fehler und sucht neue Wege. Ansonsten gilt: Gerade im Minijob ändern sich die Verhältnisse schnell.

Beweise Humor

Sei nicht immer todernst. Sich organisieren soll auch Spaß machen, schließlich ist es eine einmalige Möglichkeit, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen.

Sucht Euch Unterstützung!

Es gibt in Gewerkschaften viele Menschen, die dir und deinen Kolleg*innen gerne helfen, in Sachen Arbeitsrecht kompetent sind und schon lange Erfahrung haben. Habt keine Angst, diese Hilfe auch in Anspruch zu nehmen. Sucht Kontakt zu örtlichen Basisgewerkschaften wie der FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union).

[ssba]